Peaches & Bones | Neuauflage 2017

Der Vertrag für Peaches & Bones lief im Dezember 2016 nach 2 Jahren aus und unsere BigLeoSis hat lange überlegt, was sie damit macht.

Und nach langem hin und her hat sie sich für eine Neuauflage pünktlich zur ComicCon 2017 entschieden.

Peaches & Bones wird in neuem Gewand erscheinen (kleinere Änderungen im Cover) und inhaltlich komplett überarbeitet (Rechtschreibung, Grammatik, Layout).

Im Moment befindet es sich im Druck und wir werden euch gleich nach eintreffen Bilder dazu liefern!


PEACHES & BONES


Bei Peaches & Bones haben wir zum ersten Mal als Verleger fungiert und unserer großartigen BigLeoSis ein wenig unter die Arme gegriffen.

Peaches & Bones ist ein romantisches Drama mit einer Länge von 176 Seiten.


Die Handlung:

Noahs Leben scheint perfekt zu sein.

Gerade hat er seinen Abschluss gemacht, in wenigen Monaten beginnt er sein Chemie-Studium. Mit seiner besten Freundin Anna wird er sogar in eine eigene Wohnung ziehen.

Doch immer wenn man anfängt Pläne für die Zukunft zu  schmieden, kommt das Leben!

Und in Noahs Fall ist es William, den er seit seinem dritten Lebensjahr kennt.

William hat Probleme und man bittet Noah ihm in dieser schwierigen Zeit zu helfen und beizustehen, auch wenn sie schon seit Jahren keinen Kontakt mehr hatten.

Aber Noah wäre nicht er selbst, wenn er sich davon abhalten ließe.


Das Buch ist sowohl als Paperback (ISBN - 9783738607178) als auch als e-book bei allen Händlern erhältlich.


Leseprobe Peaches & Bones


Peaches & Bones – 01


Es war geschafft.

Und es war perfekt.

Die letzte Prüfung war überstanden und ich hatte ein gutes Gefühl.

Und auch das Wetter schien es heute gut mit mir zu meinen. Die Sonne strahlte vom Himmel und ich konnte mich zu Hause in den Garten legen. Ich würde vielleicht eine Decke brauchen, da ein kühler Wind wehte. Aber das würde mich mit Sicherheit nicht davon abhalten, mich auf eine Liege zu legen und ein wenig zu entspannen.

Als ich heute meine Prüfung abgegeben hatte, den Test für englische Literatur, war ein halbes Steinbergwerk von meinem Herzen gefallen!


So schnell wie möglich hatte ich den ersten Bus genommen und war etwa zwanzig Minuten später zu Hause. Ich fummelte den Schlüssel aus meiner Jackentasche, ging hinein und mich umziehen.

Meine Tasche landete in der Ecke neben der Garderobe und ich lief in den ersten Stock. Ich liebte dieses Haus so sehr. Ich war hier aufgewachsen, hatte mein Leben hier verbracht, seitdem meine Eltern mich aus dem Krankenhaus nach Hause gebracht hatten. Das war vor guten achtzehn Jahren gewesen.

Mama verbrachte viel Zeit mit der Dekoration des Hauses und überall standen frische Blumen, die Wand an welcher die Treppe nach oben ging war behängt mit Fotos. Von meinen Eltern, nachdem sie sich kennengelernt hatten, meiner Schwester und meinem Bruder, mir selbst, meinen Großeltern und unseren engsten Freunden.

Unser Haus bestand aus zwei Stockwerken inklusive Keller. Jeder hatte sein eigenes Zimmer im ersten Stock. Küche, Wohnzimmer und ein Gästebad waren im Erdgeschoss. Der Keller war ein Allzweckraum mit einem separatem Gästezimmer und einer kleinen Sauna.

Mein Papa hatte alles selbst gebaut, sogar das Geländer der Treppe hatte er mit eigenen Händen geformt und man spürte in jedem Stück Holz die Liebe, die meine Eltern in das Gebäude gesteckt hatte.

Mein Zimmer lag im ersten Stock am Ende des Ganges und als ich die Türe öffnete, strömte mir frische Luft entgegen. Mama hatte gelüftet, ehe sie zur Arbeit gegangen war. Und auch mein Bett war frisch gemacht worden. Mit einem leichten Kopfschütteln und einem Lächeln im Gesicht betrat ich mein Reich. Fünfzehn Quadratmeter nur für mich allein, mit einem eigenen Badezimmer.

Die Wand gegenüber der Tür bestand nur aus Glas und ich hatte damit einen wundervollen Ausblick in unseren Garten, den großen Apfelbaum, den meine Eltern gepflanzt hatten, als sie mit dem Bau des Hauses angefangen hatten.

Mein Schreibtisch stand direkt davor, damit ich bei meinen Arbeiten immer raus blicken konnte, wenn ich nicht mehr weiter wusste. Das Bett stand an der Wand mit einem kleinen Fenster und davon gegenüber mein großer Wandschrank.

Diesen öffnete ich nun und nahm ein Shirt und ein paar Shorts heraus. Ich wechselte meine Uniform gegen meine alltäglichen Klamotten und augenblicklich fühlte ich mich ein wenig wohler. Ich schnappte mir eine dünne Tagesdecke aus meinem Schrank, den MP3-Player vom Schreibtisch und ging wieder nach unten. Kurz blieb mein Blick auf dem Foto dort hängen, doch schnell folgte ich meinem Verlangen, die Sonne zu genießen.

Mein Weg nach draußen führte mich noch kurz in die Küche, wo ich mir einen Apfel und eine Flasche Wasser holte.

Anschließend ging ich in den Garten. Er war nicht sonderlich groß, man konnte in der Stadt wohl auch nicht viel erwarten, aber es reichte für uns. Ich legte meine Sachen auf eine der Liegen und zog sie unter den Apfelbaum.

Ich mochte ihn so sehr, vor allem wenn er im Frühjahr in Blüte stand und im Sommer war er ein großer Schattenspender, im Herbst hatten wir dann leckere Äpfel von denen wir Kuchen, Mus und Gelee kochten. Und im Winter sah er wundervoll aus, wenn seine Äste von Schnee bedeckt waren.

Dieser Baum war so alt wie meine Geschwister, 26 Jahre, und wir waren alle mit ihm aufgewachsen, er war Teil unseres Lebens.

Ich platzierte die Liege unter einem der größeren Äste, ließ den Kopfteil im Schatten stehen und den Rest in der Sonne. Dann legte ich mich darauf, schlang die Decke um meine Schultern, steckte mir die Kopfhörer in die Ohren und schloss die Augen.

Der Wind war wirklich ein wenig kühl, doch das störte mich nicht.


~*~


Als ich das nächste Mal erwachte, war es wesentlich frischer geworden. Bei einem Blick auf meinen MP3 – Player konnte ich sagen, dass etwa eineinhalb Stunden vergangen waren. Ich war mit meiner liebsten Playliste durch. Ich hatte mich im Schlaf auf den Bauch gedreht und kämpfte nun mit der Decke, welche sich um meinen Körper geschlungen hatte. Als ich mich freigekämpft hatte, hörte ich ein leises Lachen von der Terrasse und hob meinen Kopf. Mein Vater war gerade aus der Tür getreten und durchquerte den Garten, um zu mir zu kommen.

„War die Decke wieder böse zu dir, Noah?“ grinste er, als er sich zu mir auf die Liege setzte.

Ich schob sie bei Seite und setzte mich auf, um auf Augenhöhe mit meinem Vater zu sein.

„Sehr witzig“, antwortete ich ihm.

Mein Vater legte seine Hand an meinen Hinterkopf und küsste sanft meine Stirn. Mama sagte immer, dass ich ihm wie aus dem Gesicht geschnitten wäre. Die zarte Nase, die dunklen Augen, die gleiche Furche, die sich zwischen unseren Augenbrauen bildete, wenn wir nachdachten, die Form der Lippen.

Auch in unserer Statur ähnelten wir uns sehr. Groß, schlank … Hohlkreuz. Nur die Farbe meiner Haare hatte ich von meiner Großmutter, ein helles rotblond.

Die Hand meines Vaters blieb auf meiner Wange liegen und er strich eine Strähne meines Haares zur Seite.

„Du hast es endlich geschafft, Kleiner. Ich bin stolz auf dich!“

Ich lachte und umarmte ihn herzlich.

„Wir wissen doch noch gar nicht, ob ich bestanden habe, Dad,“ gab ich ihm zu bedenken.

„Noah, denkst du wirklich, daran würde ich zweifeln? Du bist mein Junge, du bist klug und hübsch und wohl erzogen. Da schaffst du doch mit Leichtigkeit deinen Abschluss.“

Wieder lachte ich und mein Vater stand auf, wobei er mich mit hochhob. Ich kicherte nun wie ein kleines Kind, als er mit mir auf dem Arm ins Haus zurückging. Er brachte mich in die Küche und setzte mich auf die Anrichte, ehe er sich ein Wasser aus dem Kühlschrank nahm. Er lehnte sich gegen den Herd.

Dad war Lehrer und unterrichtete in einer Schule für hochbegabte Schüler, er würde bald in Rente gehen dürfen und wäre dann viel zu Hause und konnte Mama helfen. Ethan Scott war ein Mensch, der mir viel beigebracht hatte. Meine Liebe zu Büchern und Musik, mein großes Herz und dem guten Hinweis, dass man jedem Menschen eine Chance geben sollte.

„Wann kommt Mama heim?“

„Ich denke, sie ist nach der Arbeit noch zum Einkaufen gefahren, damit wir deinen großen Tag heute Abend gebührend feiern können. Benjamin und Joan kommen auch vorbei, um mit ihrem kleinen Bruder zu feiern.“

Ich verzog kurz das Gesicht. Mein Verhältnis zu Benjamin war richtig gut, doch zu Joan war es nicht ganz so herzlich. Vor ein paar Jahren hatten wir uns heftig gestritten und seitdem war nichts mehr so zwischen uns, wie es vorher war. Niemand außer Joan und mir wusste den wahren Grund. Meine Eltern dachten, es wäre eine Meinungsverschiedenheit zwischen ihren Kindern, was es eigentlich auch war.

Aber für mich war es etwas ziemlich persönliches. Etwas das mir damals im Herzen weh getan hatte. Und auch heute schmerzte mich der Gedanke daran noch immer.

„Was hast du?“ fragte mein Vater.

Ich schüttelte den Kopf und lächelte. „Es ist nichts, Dad.“

„Na dann,“ antwortete er gut gelaunt. „Möchtest du mir bei den Vorbereitungen für den Unterricht morgen helfen? Ich könnte deine wunderschöne Handschrift brauchen.“

Ethan stellte sein Wasser zurück in den Kühlschrank und ich folgte ihm in sein Büro. Er bereitete einen Literaturkurs vor und ich schrieb ihm die Folien, die er dazu brauchte. Ich mochte es, meinem Vater zu helfen und er war mehr als dankbar dafür.


~*~


Es war früher Abend, als Mama nach Hause kam. Sie verstaute die Einkäufe im Kühlschrank, und rumpelte ein wenig in der Küche herum.

„Noah!“ rief sie hoch. „Noah, deine Sachen liegen im Garten und es fängt an zu regnen!“

Ich schrieb gerade eine weitere Zeile auf die Folie, als sie mich und Vater unterbrach. Schnell verschloss ich den Stift, lief nach unten und holte meine Sachen aus dem Garten. Als ich wieder nach drinnen kam, umarmte mich meine Mutter so stark, dass mir kurz die Luft wegblieb.

„Ich bin so stolz auf dich, Noah!“

„Danke Mama!“

Sie gab mir einen Kuss auf die Wange, ehe sie mich wieder in die Freiheit entließ. Mein Vater trat in die Küche und gab meiner Mutter einen Kuss.

„Hattest du einen guten Tag, Olivia?“ fragte er sie.

Sie blieben eng beieinander stehen, mein Vater hatte einen Arm um ihre Hüfte gelegt. Es machte mich immer irgendwie sentimental glücklich, wenn ich sie so zusammen sah. Als das jüngste Kind in dieser Familie war es mein Privileg, da ich noch zu Hause wohnte.

Mama küsste meinen Dad kurz auf die Wange, ehe sie sich von ihm löste.

„Hilfst du mir beim Abendessen?“ fragte sie ihn.

Ich lachte und verabschiedete mich von den Beiden. Ich wollte ihnen ein wenig Zweisamkeit gönnen und eine Dusche würde mir sicherlich nicht schaden. Und ein wenig Ruhe, der Tag war schließlich anstrengend gewesen.


~*~


Es hatte schon seine Vorteile, ein eigenes Badezimmer zu besitzen! Niemand, der mir meine Sachen streitig machen konnte, alles in einem geordneten Chaos verteilt und ich konnte mir so viel Zeit mit der Dusche lassen, wie ich nur wollte.

So genoss ich es auch heute und ließ mich mit heißem Wasser berieseln und meine Muskeln entspannten sich dabei. Ich hatte noch gar nicht bemerkt, wie sehr ich eigentlich verspannt gewesen war. Und als ich den Duft meines Duschbades tief einatmete, wurde auch mein Kopf langsam leer und es wurde platz für die entspannenden Wochen, die mir nun bevor standen, ehe ich mit dem Studium begann.


Nach etwa 20 Minuten stieg ich aus der Dusche und hüllte mich in eines der flauschigen Handtücher, die daneben auf einem Regal lagen. Ich suchte mir frische Wäsche heraus und zog mich an.

Als ich mir das T-Shirt über den Kopf zog, klopfte es leise an der Tür. Ich drehte mich um und wartete, bis mein Besucher eintrat. Ein großes Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus, als ich meinen Bruder erblickte. Benjamin war ein großgewachsener Mann, wie Dad und hatte ein äußerst sanftes Wesen, was ihn zu einem idealen Kinderarzt machte.

Er trat leise ein, schloss die Türe hinter sich und setzte sich an meine Bettkante.

„Du bist fertig,“ grinste er breit.

Ich zog eine Augenbraue nach oben

„Wenn du damit meinst, dass ich mit meinen Nerven am Ende bin, dann 'ja', ich bin fertig!“

Benjamin lachte laut und auch ich konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Ich liebte meinen Bruder abgöttisch und er war derjenige, mit dem ich auch all meine Gefühle und Zweifel teilte. Und er hörte mir auch immer zu.

„Ach Noah … wie war eigentlich die Arbeit letztes Wochenende? Andrew hat erwähnt, dass sie dich gesehen haben.“

Ich musste einen Moment lang wirklich überlegen. Hatte ich Andrew gesehen? Es war ziemlich voll in der Bar gewesen und ich hatte mich sehr auf meine Arbeit konzentrieren müssen, damit ich auch alle Bestellungen schnell und richtig abarbeite.

„Es tut mir Leid. Ich habe Andrew nicht gesehen. Aber es war auch ziemlich voll im Pub. Mit wem war er denn unterwegs?“ hakte ich nach.

Als ich den Ausdruck auf Benjamins Gesicht sah, wusste ich, mit wem Andrew unterwegs gewesen war und ein seltsames Gefühl bildete sich in meiner Magengegend. Ich hatte ihn schon seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Unsere Blicke flogen beinahe gleichzeitig zu dem Foto auf meinem Schreibtisch. Es war zwei Jahre alt und zeigte mich mit meinem Bruder, Andrew und William.

William …

„Du vermisst ihn oder?“ fragte Benjamin leise.

Ich zog meine Knie an und legte mein Kinn darauf.

„Es wäre gelogen, wenn ich 'nein' sagen würde. Aber es war seine Entscheidung. Er wollte mein Bestes und ist gegangen. Was hätte ich tun können, um ihn aufzuhalten? Es geht hier schließlich um William Baker.“ Ein trauriges kleines Lachen kam mir über die Lippen. „Denkst du, er vermisst mich auch?“

Benjamin stand von meinem Bett auf, kam zu mir herüber und strich mir sanft durch das nasse Haar.

„Ich weiß es nicht Noah. Aber ich denke, er wäre ein Dummkopf, wenn er es nicht täte.“

Mein Bruder bekam ein weiteres trauriges Lächeln von mir geschenkt, ehe wir zum Abendessen nach unten gingen. Er war einfach der beste Bruder der Welt.

Mama hatte ihre berühmte Lasagne gemacht.

Auch Joan war mittlerweile angekommen. Wie alle gratulierte sie mir zum Abschluss. Doch das war auch schon alles, was wir uns zu sagen hatten.


Die Stimmung beim Abendessen war locker und wir unterhielten uns über die Pläne, die wir für den Sommer hatten.

Unsere Eltern wollten für ein paar Tage verreisen, ein genaues Ziel hatten sie noch nicht. Auch Joan würde mit ihrem Freund wegfahren, sie hatten sich Paris als Ziel gewählt. Benjamin würde in der Stadt bleiben und ich ebenso.

Ich wollte die Ruhe genießen, ehe mein Studium losging.

Vielleicht würde ich mal mit Benjamin ausgehen, denn mit ihm war es immer witzig.


Nach dem Abendessen half ich meiner Mutter noch beim Abwasch, während meine Geschwister mit Papa in den Wintergarten gingen.

„Und du bist nicht böse, wenn wir ohne dich wegfahren, Noah?“ fragte meine Mutter. Ich lächelte.

„Ach Mama, ich bin alt genug, um allein zu Hause zu bleiben. Und wenn was ist, kann ich Benny anrufen. Also nein, ich bin euch nicht böse.“

Mama atmete beruhigt aus, während sie die Teller ins Regal räumte. Wir packten fünf Gläser und eine Flasche Wein sowie eine Flasche Wasser auf ein Tablett. Mama ging nach draußen, während ich noch einmal nach oben lief, um mir einen Pulli zu holen. Ich kämmte schnell meine Haare, als es an der Tür läutete. Verwirrt sah ich auf die Uhr. Es war bereits nach 21 Uhr. Wer wollte denn noch etwas von uns?

Vielleicht einer von Papas Schülern? Die kamen manchmal zu den seltsamsten Zeiten.

Ich schlüpfte in meinen Pulli, als Bennys Stimme nach oben drang. Ich verließ mein Zimmer, schloss die Tür, während ich versuchte die zweite Stimme zu identifizieren. Sie kam mir bekannt vor, aber ich konnte sie nicht hundertprozentig zuordnen.

Mein Weg führte mich zurück nach unten, als ich die andere Person erkannte, die sich mit Benny unterhielt.

„Andrew!“ kam es erstaunt über meine Lippen, als ich die letzte Stufe nahm und neben meinem großen Bruder stehen blieb. „Was machst du hier?“

Andrew wechselte einen kurzen Blick mit Benjamin.

„Was?“ Mein Blick glitt zwischen den beiden Männern hin und her. „Was ist los?“

Benjamin nahm meine Hand in seine.

„Ich denke, wir sollten Andrew einfach herein bitten und uns dann unterhalten.“

Während wir Andrew herein ließen, legte sich eine seltsame Stille über uns. Es war schon lange her, dass ich ihn gesehen hatte. Er sah ziemlich müde und erschöpft aus.

Gemeinsam gingen wir ins Wohnzimmer.

„Möchtest du etwas trinken, Andrew?“ Der Ältere schüttelte den Kopf.

„Nein danke, Noah. Ich werde nicht zu lange bleiben. Ich wollte nur kurz mit dir reden.“

„Mit mir?“ Ich war erstaunt.

Benny dirigierte mich in einen Sessel.

„Ich hol nur schnell Mama und Papa.“

Als mein Bruder das sagte, drehte ich mich verwirrt zu ihm. Warum brauchten wir unsere Eltern?

Gerade als Benjamin gehen wollte, kamen Dad und Joan.

„Andrew! Wie schön, dich zu sehen!“ sagte mein Vater.

„Mister Scott.“

Andrew reichte meinem Vater die Hand. Auch Joan begrüßte er kurz.

„Es tut mir Leid, euch noch so spät stören zu müssen, aber es ist wirklich dringend.“

Der Blick meines Vaters wurde ernst und er setzte sich zu mir. Benjamin blieb in der Nähe von Andrew stehen, während Joan in der Tür blieb.

„Was können wir für dich tun Andrew?“ fragte Papa.

Andrew atmete tief durch, seine Hände lagen gefaltet an seinen Lippen.

„Es geht um William.“

Beim Klang seines Namens versteifte ich mich leicht und Joan stöhnte genervt auf.

„Das war doch so klar, dass es nur um ihn gehen kann!“

„Joan bitte,“ unterbrach sie Dad. Seine Hand ruhte auf meinem Arm.

„Noah … atme!“ Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich die Luft angehalten hatte.

„Bitte Andrew, was ist mit deinem Bruder?“

Man konnte sehen, dass es ihm nicht leicht fiel, darüber zu sprechen.

„Er ist wieder in der Klinik, seit ein paar Stunden. Man hat ihn vor drei Tagen gefunden, mit einer Nadel im Arm. Sie haben ihn auf kalten Entzug gesetzt … es geht ihm schlecht.“ Andrew brach ab.

William war wieder in einer Entzugsklinik? Wieder? Das war das erste Mal, dass ich das hörte.

„Und ich schätze, dein geliebter kleiner Bruder möchte meinen kleinen Bruder sehen, weil er ihn ja so sehr liebt!“ bemerkte Joan sarkastisch.

„Joan, bitte geh! Das können wir jetzt nicht brauchen!“ fuhr Papa sie an.

Mit einem Schnauben drehte meine Schwester sich um und ging. Ich blickte ihr nach. Ich war verwirrt. Natürlich liebte William mich. Wir waren immer die besten Freunde gewesen, weil ich ihn einfach so behandelt hatte, wie einen normalen Menschen, auch wenn er ein wenig Schwierigkeiten hatte, mit anderen umzugehen. Was sollte das jetzt von Joan?


~*~


Das erste Mal, als William mich traf, war ich drei Jahre alt gewesen. Unsere Eltern waren gute Freunde und sie hatten es endlich zu einem lang ersehnten Treffen geschafft. William fand mich am Anfang schrecklich nervig und zeitraubend. Aber ich mochte ihn einfach. Er war für sein Alter groß gewachsen, das dunkle lockige Haar, die blauen Augen und er sah immer so aus, als ob ihn etwas beschäftigte.

Unsere Eltern fanden es amüsant, denn ich wollte immer in der Nähe des älteren Jungen sein. Ich wollte, dass William mit mir spielte, mir Bücher vorlas und mich knuddelte. Er war 14 und in einem schwierigen Alter, mitten in der Pubertät und einer Identitätskrise, wie seine Eltern es so gern umschrieben.

William wollte wie ein Erwachsener behandelt werden, aber in seinem Herzen war er noch immer ein Kind. Und innerlich liebte er es, mich um sich zu haben und auf mich aufzupassen, ich spürte das einfach.

Und nach einer Weile wurden wir unzertrennlich.

William versuchte so viel Zeit wie möglich mit mir zu verbringen. Seine Besuche in unserem Haus wurden zu einer täglichen Routine. Papa half ihm mit seinen Hausaufgaben und danach konnte er mit mir herum toben.

Williams Mutter war glücklich über dieses Arrangement, denn er hatte nie viele Freunde gehabt, nicht wie seine Geschwister. Er war klug, aber er hatte ein kleines Problem mit emotionalen Interaktionen. Aber William hatte nie ein Problem mit mir.

Ich liebte ihn ohne zu zögern und schenkte ihm mein kleines Herz.


~*~


„Wie geht es William?“ fragte mein Vater und Andrew schüttelte den Kopf.

„Ich weiß es nicht. Er spricht nicht, er ist gefesselt, weil er versucht hat sich selbst zu verletzen, er isst nicht … er verlangt nur nach einem. Er möchte Noah sehen. Im Moment ist er sediert, darum konnte ich weg. Ich weiß nicht was ich tun soll, Mr. Scott.“

Mein Blick war auf den Boden gerichtet. Es machte mir zu schaffen zu wissen, dass es William nicht gut ging. Selbst wenn wir nichts mehr miteinander zu tun hatten, ich vermisste ihn wirklich sehr.

„Benny hat gesagt, ihr hättet mich letztes Wochenende gesehen. Hatte er auch da schon Probleme?“ Meine Stimme klang seltsam, so hohl und als ob sie nicht mir selbst gehören würde.

„Das weiß ich nicht Noah. Es sieht ernst aus, so schlimm war es noch nie. Er kam vom Krankenhaus gleich in die Klinik. Aber es scheint ihn gekränkt zu haben, dich mit jemand anderem zu sehen. Danach war er verschwunden, bis ich Dienstag Abend den Anruf bekam.“

Ich atmete tief durch. Es war albern gewesen, aber Tom hatte mich geküsst, als wir den Club zugesperrt hatten. Eine Kurzschlussreaktion ohne jeglichen Hintergrund oder Gefühle. Vielleicht hatte der Alkohol Tom zu diesem Unsinn animiert.

„Und William möchte mich sehen?“

Andrew seufzte tief und lehnte sich zurück.

„Wie gesagt, er spricht nicht und wenn, dann nur deinen Namen.“

„Wissen eure Eltern davon?“ fragte mein Vater.

Andrew schüttelte den Kopf.

„Ich konnte es ihnen bis jetzt verschweigen. Es ist auch besser so. Sie hassen William dafür, es erinnert sie zu sehr an Michael. Sie würden es ihm nur ewig vorhalten, dass er so ist, wie sein 'missratener' großer Bruder und das kann er definitiv nicht brauchen. Ich weiß, dass ich niemanden zwingen kann, aber Noah, ich bitte dich inständig darum. Komm mit mir. Vielleicht kannst du ihm ja helfen.“

Mein Blick hob sich vom Boden und ich sah erst zu Benny, dann zu meinem Vater. Beide sahen ziemlich ernst drein.

„Papa ...“

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Der Streit zwischen Joan und mir kam mir wieder in den Sinn.


~*~


Er wird nach dir rufen und du wirst springen. Irgendwann wird er dir das Herz brechen!“


~*~


Und nun schien ich indirekt für dieses Chaos verantwortlich zu sein.

„Möchtest du William helfen, Noah?“ fragte mein Vater.

Wollte ich ihm helfen? Was war das für eine Frage. Natürlich. Ich musste …

„Kann Benny mitkommen?“ fragte ich leise.

Mein Bruder lächelte sanft und nickte.

„Natürlich Noah. Ich kann euch auch fahren.“

Andrew nickte leicht.

„Das wäre nett von dir Ben. Aber ich möchte dir keine Umstände bereiten.“

Benjamins Hand legte sich sanft auf Andrews Schulter, der sich unter der Berührung sichtlich entspannte.

„Niemals Andrew.“ Benny wandte sich zu mir. „Geh und zieh dich an, dann können wir los.“

Ich nickte und ging nach oben, um mich umzuziehen.